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Musik

Den Musikstil wechseln

In den letzten Wochen habe ich viele E-Mails und Kommentare erhalten, in denen ich gefragt wurde, wieso ich keine elektronische Musik mehr produziere. Die Antwort darauf lässt sich nicht in zwei Sätzen zusammenfassen. Daher erkläre ich in diesem Post, was es mit dem Wechsel des Musikstils auf sich hat.

Als ich den Hard Rock / Classic Rock Song “Fight for you” vorgestellt habe, waren die meisten Personen verblüfft. Freunde, Bekannte, Fans und Mitmusiker kannten mich als Komponistin und Produzentin elektronischer Musik und hätten niemals damit gerechnet, eine Hard Rock Nummer zu hören. Ich habe sehr gutes Feedback für den Song erhalten, sodass der Stilwechsel im Großen und Ganzen gut aufgenommen wurde. Trotzdem gingen viele Personen davon aus, dass es nur eine Phase wäre, die nach zwei, drei Songs endet. Nein, das ist keine Phase. Ich meine es ernst. An dieser Stelle möchte ich klarstellen, dass mein Stilwechsel kein richtiger Stilwechsel ist, denn:

Ich habe mich niemals auf einen einzigen Musikstil fokussiert.

Weder als Songwriterin, Komponistin, Produzentin noch Hörerin habe ich mich klar zu einer Szene oder einem Musikstil gerechnet. Ich möchte mich nicht beschränken, weil es so viele gute Musik da draußen gibt. Wenn man eine spezielle Zielgruppe erreichen möchte, kann es Sinn ergeben, eine Marke zu gründen und seinen Stil für diese Nische auszurichten. Ein großer Wiedererkennungswert kann helfen, eine Fangemeinde zu gründen. Genau das mit meiner Musik passiert, obwohl ich es niemals wollte. Seit 2007 wurde mein Name als Marke für Epic Trance und Uplifting Trance gehandelt. Durch die Veröffentlichungen nach 2014 wurde sie um den Begriff Electro House erweitert. Es hat mir tatsächlich geholfen, meine Zielgruppe und mein Publikum besser kennenzulernen, aber nur elektronische Musik zu machen fühlte sich falsch an.

Ich würde mich am ehesten als Multi-Genre Komponistin und Produzentin beschreiben. Wer mein musikalisches Treiben seit einigen Jahren verfolgt, wird meine Internetband The Verge kennen, für die ich ebenfalls Songs schreibe. Diese Band existiert fast 15 Jahre und probiert alles zwischen Rock, Pop und Blues aus. Dennoch wurde ich nie als Songwriterin für Pop- und Rockmusik wahrgenommen. Das kann auch daran liegen, dass ich bei handgemachter Musik in der Regel nicht selbst singe oder spiele. In Pop, Rock und Metal nehme ich automatisch die Rolle einer Songwriterin, Komponistin und Produzentin ein. Insgesamt habe ich 120 Songs in 30 verschiedenen Genre komponiert. Die meisten Songs befinden sich anti-chronologisch sortiert auf meiner YouTube Discographie oder auf dem SoundCloud-Profil von The Verge. Meine Pop- und Rock- Produktionen gingen in der Vielzahl der Songs unter, da es wesentlich weniger sind als Trance und House Produktionen.

Ich habe mich gegen Projektnamen entschieden.

Künstler*innen, die in einer Vielzahl von Genre schreiben oder mit vielen Musiker*innen zusammenarbeiten, geben jeder Konstellation oder jedem Genre einen eigenen Projektnamen. Es ist eine tolle Strategie für zielgerichtetes Marketing, doch in meinem Fall machen beide Ansätze keinen Sinn. Ich bin in zu vielen Genres unterwegs, was zu viele Projekte nach sich ziehen würde. Jedes Projekt bräuchte mindestens einen aktiven Social Media Auftritt. Dazu fehlt mir schlichtweg die Zeit. The Verge ist das einzige Projekt, da es sich als Band mit festen Mitgliedern, Rollen und Teamgeist versteht. Neu ist, dass ich mich durch die ständig wechselnde Besetzung bewusst gegen weitere musikalische Projekte entschieden habe und meinen Namen für verschiedenste Genre öffne. Das fühlt sich besser an, da ich mich in erster Linie als Komponistin / Songwriterin und zweitens als Produzentin identifiziere. Außerdem möchte ich damit erreichen, dass man mich nicht mehr eindeutig der elektronischen Musik zuordnet.

Wie sich Songwriting in anderen Musikgenre anfühlt.

Vor einigen Jahren habe ich zwanghaft versucht, Musik in gewissen Stilrichtungen zu schreiben, um meinen Fans zu gefallen. Das ging sogar so weit, dass ich den Musikstil eines Songs von Pop nach Trance gewechselt habe, weil es sich einfacher realisieren ließ. Der Stilwechsel ging recht fix, dazu wurde das Arpeggio, das eigentlich für eine E-Gitarre gedacht war, von einem Synthesizer ersetzt. Außerdem ist das Stück wesentlich schneller als die ursprüngliche Pop Rock Ballade. Im Nachhinein fühlt es sich der erzwungene Stilwechsel wie ein großer Fehler an.

Man sollte Songs in dem Genre schreiben, wo sie sich zu Hause fühlen. Es ergibt keinen Sinn, sich Konventionen, Trends und Bedürfnissen anzuschließen, nur um seine Fans glücklich zu machen. Man fühlt sich als Songwriter*in und Komponist*in viel freier, wenn man die Musik schreibt, die einem spontan in den Kopf kommt. Seit September 2020 habe ich viele Songs geschrieben und in ihrem ursprünglichen Genre belassen – Ganz gleich, ob ich sie komplett selbst umsetzen kann oder mich mit anderen Personen zusammentue. Es fühlt sich gut an!

Niemand weiß, ob und wann ich wieder elektronische Musik machen werde

Was hat dazu geführt, dass ich meinen Musikstil gewechselt habe? Ehrlich gesagt habe ich bereits 2014 meine Verbindung zur elektronischen Musik verloren. Ein paar richtig coole Entwürfe (wie z.B. “The Awakening”) habe ich 2017 realisiert, doch danach wurde es still um mich. Ich hatte keine Ideen mehr und hing fest. Mein drittes Studioalbum “Event Horizon” gab all diesen Skizzen, die irgendwo zwischen Raum und Zeit verschwunden sind, ein neues Zuhause. Auch wenn “All Hallow’s Eve” im Februar 2021 arrangiert und produziert wurde, stammen Melodie und Sounddesign aus 2015. Ich brauchte lediglich einen Anlass, um eine 4-Takt-Skizze zu einem Song zu produzieren. Das meinte ich mit ein Kapitel schließen und ein neues beginnen.

Manchmal muss man einfach die Perspektive wechseln, etwas Neues wagen oder einfach mal das tun, wonach einem ist. Ich habe meiner Intuition vertraut. Es fühlt sich richtig an, sich Songwriting und Produktion anderer Genres zu widmen und dadurch seinen Horizont zu erweitern, statt den aktuellen Sounddesign Standard der elektronischen Musik zu verstehen und nachzumachen. Das ist einer der Gründe, wieso ich aktuell keine Lust auf elektronische Musik habe. Ich schließe nicht aus, dass ich irgendwann wieder Lust auf elektronische Beats haben werde. Selbst wenn, wird Elektro nicht mein einziger Spielplatz sein. Die Welt dreht sich weiter und ich bewege mich fort. Auch, wenn dies bedeutet, dass ich ständig meinen Musikstil wechseln werde.

Soweit zu meinen Beweggründen. Ich verlasse elektronische Musik nicht für immer, ich mache kein Rebranding und im eigentlichen Sinne wechsle ich noch nicht einmal den Musikstil. Es war niemals mein Ziel zu einer Marke zu werden und in einer einzigen Musikrichtung unterwegs zu sein. Ich mache das, was ich schon immer gemacht habe, bloß dass ich offener damit umgehe. Ich bin eine Komponistin und Produzentin, die in vielen Genres unterwegs ist und hoffentlich auch sein wird.

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