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Musik

Schreiben Songwriter Musik, die sie hören?

Häufig werden Songwriter*innen nach ihren Einflüssen gefragt. Manchmal stimmen Einflüsse und eigene Musik nicht überein. Wie können Songwriter*innen einzigartige Musik schreiben, obwohl sie von anderen Künstler*innen beeinflusst werden? Eine Diskussion über Songwriting und Musikgeschmack.

Als auf Instagram einen Post über meinen Musikgeschmack veröffentlichte, waren einige Follower überrascht, dass die Musik viel härter war, als das, was ich komponiere. Natürlich werden Songwriter*innen von der Musik beeinflusst, die sie gerne hören, aber der Einfluss lässt sich vielseitig verarbeiten.

Wie Songs Songwriter beeinflussen

Wenn ich mich mit meinen nicht musizierenden Freunden unterhalte, habe ich häufig den Eindruck, dass Musiker*innen Musik anders hören und verarbeiten. Man kann jeden Song mit anderen Ohren wahrnehmen. Nimm dir einen Song und achte immer auf einen anderen Aspekt: Emotionen, Songtext, harmonische Struktur oder Arrangement. Du wirst feststellen, dass nicht jeder Song auf jeder Ebene vorhersehbar und konsistent ist.

Mich persönlich sprechen Songs mit widersprüchlichen Aspekten an, doch viele Personen schreckt es ab. Stellt euch einen Liebesbrief vor, der von einem Metal Core Sänger geschrien wird. Ich bin mir sehr sicher, dass dieser Song anders wahrgenommen wird als eine Pop-Ballade mit exakt demselben Text. Als Songwriterin und Komponistin ist es interessant, all diese Ebenen kennenzulernen und mit ihnen zu spielen.

Wenn man das selektive Hören für sich entdeckt hat, wird man sich für andere Musikrichtungen und Themen öffnen. Ich liebe das Zusammenspiel aus melancholischen Akkorden, harten Riffs auf mittlerem Tempo. Dabei spielt es keine Rolle, ob es Epic Trance, Symphonic Metal, Pop oder klassische Musik ist. Solche Songs findet man in fast jeder Musikrichtung. Wer komplexe Arrangements mit vielen Instrumenten liebt, die gegenläufige Melodien spielen, wird sie unter anderem im Progressive Rock, Jazz, Trailer Musik oder auch im Drum and Bass finden. Wer Blues Schemen liebt, findet sie im Boogie-Woogie, Rock’n’Roll, Blues Rock oder in den Ursprüngen des R’n’B. Ich bin mir sicher, dass jede*r etwas Interessantes in (fast) jedem Genre finden wird und dadurch zu einem Songwriter mit unterschiedlichsten Einflüssen werden kann.

Hättet ihr gedacht, dass meine Inspiration für meine Epic Trance Songs aus dem Symphonic Metal kamen?

Physische und technische Grenzen

Als Musiker*in wird man nicht imstande sein, beliebige Genre zu spielen oder zu komponieren. Aus mir wird niemals ein Arrangeur wie Hans Zimmer, Sänger wie Matt Bellami oder Gitarrist wie Devin Townsend. Wir alle mögen Idole haben, die weit über unsere Fähigkeiten hinaus gehen. Man kann sich viele Jahre Zeit nehmen und lernen auf diesem Niveau zu spielen – man kann diese Musik aber auch genießen. Unabhängig davon, für welchen Weg man sich entscheidet, werden sie dich als Songwriter*in beeinflussen.

In der handgemachten Musik gibt es Hürden, die einem erst spät bewusst werden. Stellt euch vor, man hat als Gitarrist*in richtig Lust auf harte Riffs und investiert in gute Hardware und viele Jahre Unterricht. Das bedeutet nicht, dass man den Sound seiner Lieblingsband genau so spielen kann. Wenn du zaghaft die Saiten anschlägst, wirst du kaum Thrash Metal spielen lernen. Lohnt es sich, die Spieltechnik zu verändern, wenn deine Bandkolleg*in der Meinung ist, dass du Soli auf der Akustikgitarre äußerst gefühlvoll spielen kannst?

Eine weitere natürliche Grenze ist die eigene Stimme. Gesangsunterricht mag dir helfen, deine Stimme besser zu kontrollieren, deinen Umfang zu erweitern oder etwas liebreizender oder aggressiver zu klingen – aber es wird deine Tenorstimme nicht denselben warmen, weichen Klang in den unteren Registern geben, den ein Bariton von Natur aus hat. Warum komponierst du Songs in einer Lage oder einem Stil, der dir nicht liegt? Für Karaoke mag das okay sein aber auf Dauer schädigst du nur deiner Stimme.

Manchmal sind die einfachsten Dinge unsere größten Hürden. Als Dubstep und Hard House im Kommen war, wollte ich unbedingt solch einen Song produzieren. In der Hoffnung einen richtig harten Wobble Bass zu kreieren, schraubte an zahlreichen Synthesizern herum, doch es wurde nichts. Auch nach zahlreichen Tutorials kam nichts vorzeigbares heraus. Habe ich etwas falsch gemacht? Brauche ich einen besseren Synthesizer? Nein, definitiv nicht. Mir mangelte es schlichtweg an Kenntnissen im Sounddesign und an Geduld, diese nachzuholen. Aus jedem Synthesizer lässt sich ein toller Sound hervorbringen, wenn man weiß, wie sie im Detail funktionieren. Doch nicht jeder Synthesizer kann jeden Sound erzeugen.

Das Bedürfnis etwas Neues zu schreiben

Jede*r weiß, dass so gut wie jede Melody und Akkordfolge existiert. Trotzdem sehnen sich Songwriter*innen und Komponist*innen danach, etwas Neues zu erschaffen. Oder zumindest etwas zu schreiben, was man nicht hundertfach im Radio gehört hat.

Viele Bands klingen in ihrer Anfangszeit nach ihren Idolen, bis sie irgendwann ihren eigenen Sound etabliert haben. Man kann einen angelehnten Stil auch verwenden, um ein Publikum aufzubauen. Allerdings sollte man es nicht zu offensichtlich tun, denn das Alleinstellungsmerkmal einer Band kann unter gewissen Umständen geschützt sein.

Auf der Suche nach neuen Sounds, neuen Akkordfolgen und Strukturen passiert es, dass das Publikum die Einflüsse des Songwriters und der Songwriterin nicht mehr wiedererkennt. Gerade DAS macht deinen eigenen Sound aus, etwas was nur DU zustande bringst, weil niemand dieselbe Lebensgeschichte und denselben Geschmack in Kombination mit deinen Fähigkeiten hat. Warum solltest du dir Gedanken machen wie jemand anderes zu klingen, wenn du bereits dein Alleinstellungsmerkmal gefunden hast?

Als ich mit Komposition und Musikproduktion angefangen habe, waren meine Einflüsse unverkennbar. Über die Jahre hat sich mein Musikgeschmack verbreitert. Als ich wahrnahm, dass ich unbewusst Sounds und Strukturen meiner Lieblingskünstler*innen kopiert habe, wurde es Zeit für einen Stilwechsel. Erst da begann ich etwas Eigenes zu machen. Und trotzdem kann man meine Einflüsse noch in meinem Songwriting hören!

Die innere Stimme eines Songwriters

Umso faszinierender finde ich die Frage, ob Songwriter*innen über die Jahre eine innere Stimme entwickeln. Was für eine Musik würdest du machen, wenn du alle Möglichkeiten hättest und viele Jahre lang keine Musik hören würdest? Jeder Songwriter*in hat ein paar Lieblingsthemen, Akkordfolgen, Tonarten, Effekte oder Gefühle, die sie oder ihn früher oder später beeinflusst hatten.

Ich fand heraus, dass meine “innere Stimme” zu melancholischer Pop Rock Musik führt. Mittlerweile höre ich wesentlich härtere Musik, aber die Kombination aus Dreiklängen am Klavier, Arpeggios an der Gitarre, Power Chords, Streichern, klarem Gesang, einem eingängigen Refrain und einem harten Schlagzeug klingt nun mal automatisch nach Pop Rock. In wenigen Stunden könnte ich einen beliebigen Pop Rock Song schreiben, aber ich tue es nicht, weil es mich auf Dauer langweilt. So fordere ich mich heraus, indem ich mal härtere und mal weichere Musik schreibe oder Instrumente und Techniken nutze, die ich noch nicht beherrsche.

Selbst wenn ich keinen Pop Rock schreibe, wird man die oben genannten Stilmerkmale in vielen Songs finden. Ich habe kein Alleinstellungsmerkmal, weil ich zu viele Genres schreibe und mit vielen Musiker*innen zusammenarbeite. Dadurch klingt jeder Song auch nach den Personen, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Ich habe jedoch gewisse Vorlieben für Mixing und Mastering, zu denen mich auch mein Hörverhalten inspiriert hat.

Werden Songwriter von der Musik beeinflusst, sie die hören?

Ja und nein. Meiner Meinung nach gibt es ein paar Gründe, wieso sie eine gewisse Art von Songs schreiben:

  1. Songwriter*innen werden emotional und technisch durch ihre Idole beeinflusst
    Wir nehmen Songs auf verschiedenen Ebenen wahr und können so die Technik von Band A und das Arrangement von Band B zu einem eigenen Stil verarbeiten.
  2. Physische und technische Grenzen schließen gewisse Genres und Techniken aus
    Man kann nicht das schreiben und produzieren, was einem nicht liegt oder technisch nicht machbar ist.
  3. Viele Songwriter*innen möchten etwas Neues erfinden
    Es macht einfach keinen Spaß etwas zu schreiben, was schon oft genug im Radio lief. Außer man ist Ghostwriter*in und verdient sein*ihr Geld damit, den Stil anderer zu kopieren. Das ist ein ganz anderes Handwerk.
  4. Songwriting ist eine persönliche emotionale Erfahrung
    Songwriter*innen schreiben Songs aus einem persönlichen Bedürfnis oder Gefühl. Diese Erfahrung ist individuell.
  5. Die innere Stimme eines Songwriters oder einer Songwriterin ist die persönliche Wohlfühlzone
    Jede*r Songwriter*in hat einen Satz an Techniken, Themen und Arrangement wo er*sie sich einfach wohlfühlt und einen Song aus dem Ärmel schüttelt.

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